Der Ostendorfplatz und seine Geschäfte

Vom „Tante-Emma-Laden“ zum „Einkaufszentrum

Der Ostendorfplatz und seine Geschäfte

Vier Jahre nach Gründung der Gartenstadt-Genossenschaft, zähen und langwierigen Verhandlungen mit der sperrigen Stadtverwaltung, konnte im September 1911 mit dem Bau des ersten Bauabschnitts eines von Hans Kampffmeyer und dem Durlacher Architekten Karl Kohler entwickelten Gesamtplans für eine Gartenstadt begonnen werden. Ab April 1912 zogen die ersten Bewohner in ihre neuen Wohnungen ein, zwei Jahre später waren schon 170 Häuser fertiggestellt und bezogen.

Ansicht Ostendorplatz. Schwarz weiß Foto.

Der im Bebauungskonzept vorgesehene Eingangsplatz zur neuen Siedlung, damals noch namenlos, konnte aus finanziellen Gründen noch nicht in Angriff genommen werden. Somit fehlten auch die dort seinerzeit schon geplanten Ladengeschäfte zur Nahversorgung der Bewohner. Lange Wege in die verstreuten Geschäfte in Rüppurr oder gar in die Stadt erweckten den Unmut der Gartenstädtler.

Grundriss Ostendorfplatz 1914

Um diesen Umstand abzustellen, entschloss sich die Geschäftsführung im Februar 1914 die Bebauung des Eingangsplatzes mit der Errichtung des Mittelbaus zu beginnen. Unter Zugrundelegung der Idee zu Gebäudeform und Fassadengestaltung von Prof. Ostendorf, plante und baute das Gartenstadt-Baubüro unter Leitung von Georg Botz das Haus mit vier Läden und 10 Wohnungen. Im Mai 1915 konnte die Inneneinrichtung der Läden, damals ortsübliche Vermieterangelegenheit, vergeben und ausgeführt werden.

Beworben hatten sich die Hofbäckerei Friedrich Sinn für eine Filiale (als Untermieter bei der Musikerwitwe Luise Schuchhardt) in Nr. 3 links, der Werkmeister Heinrich Watter mit einem Kurz- und Gemischtwarenladen in Nr. 3 rechts, Metzgermeister Stefan Wipfler mit einer Metzgerei in Nr. 4 links und der Mechaniker Wilhelm Kocher mit einem Laden für Kolonialwaren in Nr. 4 rechts.

Ansicht Ostendorplatz ein Hauseingang in schwarz weiß

Nun darf man die damaligen Läden nicht mit heutigem Maßstab messen. Der Laden oder Verkaufsraum war lediglich ein von der Straße aus zugängliches Zimmer von ca. 25m² und räumlich verbunden mit der dahinterliegenden Wohnung des Betreibers. Vollgepackt mit Waren auf Regalen und in Kisten, getrennt von den Kunden stand die Verkäuferin oder der Verkäufer hinter einer Theke über die hinweg das Verkaufsgeschäft abgewickelt wurde. Lager und Arbeitsräume mussten im Keller oder im jeweiligen Wohnbereich untergebracht werden. Auch die Gestaltung der Außenfassade entsprach nicht dem heutigen Erscheinungsbild. Die Bogenfelder waren anfangs großteils nur mit einfachen rechtwinkeligen Fenstern versehen und nicht wie heute mit großflächigen Schaufenstern.

Die Zusammensetzung und Größe der Läden hatte Bestand bis 1922. Es kam vereinzelt zu kleinen Sortimenterweiterungen. Einer damaligen Mitteilung der Gartenstadt an die Bewohner zufolge, bot z.B. Herr Watter auch Gartengeräte, Futtergeschirr für Hasen und Kohlenzulieferung an.

1923 schlossen Bäckereifiliale und Metzgerei ihre Pforten. An deren Stelle eröffnete Josef Pfeiffer eine Schneiderei, bzw. der Apotheker Karl Schleith die Charlotten-Apotheke.
(Karlsruhe hat heute 83 Apotheken. Im Ranking der ältesten liegt die Charlotten-Apotheke an vierter Stelle)

Ansicht des Mittelbaus am Ostendorplatz. Schwarz weiß Foto

Die weitere Bebauung des Eingangsplatzes, seit September 1915 „Ostendorfplatz“ benannt, wurde schon 1921 nach Entwürfen von Prof. Max Laeuger im Baubüro der Gartenstadt vorbereitet. An eine Realisierung war in dieser Zeit aber auf Grund der zunehmenden Geldentwertung nicht zu denken. Erst nach Stabilisierung und Umstellung der Währung konnten von 1924-26 die Gebäudeflügel südlich und nördlich des Platzes errichtet werden.

Zunächst, wegen der nachkriegszeitlichen Wohnungsnot, nur als Wohnungen gebaut und als solche bis 1926 auch genutzt, wurden dann einzelne Wohnungen umgebaut zur gewerblichen Nutzung: ein Friseurgeschäft (Johann Dümler) in Nr. 6, in Nr. 5 Blechnerei und Sanitärgeschäft (Christian Beck) und ein Fotogeschäft (Otto Ganske).

1928 hat die Gartenstadt bei der Baubehörde einen Antrag auf Einrichtung eines Kaffees mit Konditorei gestellt und deren Bedürfnis seitens der Bewohner erläutert. Allerdings wurde dazu ein umfangreicher und genehmigungspflichtiger Umbau im nördlichen Bau Nr. 1 notwendig. Als Betreiber war der Bäcker und Konditor August Fischer ausgewählt worden. (Das Café-Fischer war bis in die 80er Jahre in Betrieb)

Im Geschäftsbericht von 1928 heißt es: „Mit der Fertigstellung dieser Umbauten haben die Häuser am Ostendorfplatz die ihnen ursprünglich zugedachte Form erhalten und es sind damit Räume und Läden geschaffen worden, wie sie für eine Siedlung in der Ausdehnung der Gartenstadt nötig sind. … Die Geschäftsleute haben ihre Läden durchweg gut eingerichtet und sind bestrebt und in der Lage, die Kundschaft gut und reell zu bedienen“.

Es folgten einige Belegungsänderungen. Schneider Pfeiffer zog um in das Nachbarhaus Nr. 2 rechts. Seinen früheren Bereich bezog Martha Krieg mit einem Papier- und Rauchwarengeschäft. Herr Watter mit seinem umfangreichen Mischsortiment hörte auf, an seine Stelle trat 1931 Elsa Walter mit einem Woll- und Weißwarengeschäft.

Veränderungen gab es wieder 1932. Herr Pfeiffer gibt seine Schneiderei auf, die Polizeiwache Rüppurr Revier IV zog ein (bis 1965). Den Kolonialwarenladen in Nr. 4 rechts übernahm Wilhelm Lauser und hieß jetzt Lebensmittel und Feinkost. 1934 erschien der Name Reinhold Oppenländer als Betreiber des Papier- und Rauchwarengeschäfts. Diese Ladenstruktur blieb bis zum Ende der 40er Jahre bestehen, manchmal wechselte der Name des Betreibers. 1946-53 eröffneet Herr Martini-Bellini in Nr. 3 links, nach Auflösung der Wohnung von Frau Schuchhardt, ein Geschäft mit Uhren, Gold- u. Silberwaren. 1950 kam in Nr. 5 rechts ein Geschäft dazu: eine Filiale von Stefan Gartner Fleisch- und Wurstwaren. 1952 zogt die Blechnerei Beck um in die Herrenalber Straße und ein noch heute bestehendes Geschäft am Ostendorf eröffnete seine Pforten: Heinrich Oster, Haushaltsartikel.

Mit Beginn der 50er Jahre und in geringem Maße schon vorher, änderten sich auch die Bedürfnisse der Ladengeschäfte. Die engen Verkaufsräumlichkeiten waren nicht mehr ausreichend für das sich stetig vergrößernde Warenangebot und die Bedürfnisse der Kunden, hinzu kamen veränderte Verkaufsstrategien, wie z.B. Selbstbedienung. Nach und nach wurde die, bisher von den jeweiligen Betreibern genutzten Wohnflächen hinter den Läden, den Ladenflächen zugeordnet, in Einzelfällen sogar durch Anbauten erweitert.
Es kamen neue Läden dazu, die Ladenbesitzer wechselten, schließlich entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahre am Ostendorfplatz ein Einkaufszentrum, das heute nicht nur von Gartenstadtbewohnern gerne aufgesucht wird.

Autor: Wolfgang Gerstberger

Fotos und Artikel mit freundlicher Genehmigung der Gartenstadt. Der Artikel ist erstmalig in der Gartenstadt Mitgliederinfo „Für uns“ Ausgabe 76 vom Dezember 2025 erschienen.